Illusion “freier Wille”

15 04 2008

Das Gehirn weiß vorher Bescheid

Wissenschaftler haben den neuronalen Prozess der Entscheidungsfindung entschlüsselt: Unser Gehirn weiß schon sieben Sekunden vor einer bewusst getroffenen Entscheidung, wie sie ausfallen wird.

Schon etliche Sekunden bevor wir eine Entscheidung bewusst treffen, können erste Anzeichen der Absicht aus dem Gehirn ausgelesen werden. Das zeigt ein Experiment von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, der Berliner Charité sowie des Berliner Bernstein Zentrums für Computational Neuroscience. Die Forscher um John-Dylan Haynes haben per bildgebendem Verfahren Veränderungen im Gehirn untersucht, die einer bewussten Entscheidung vorausgehen. Die Ergebnisse werden in der aktuellen Ausgabe des Magazins Nature Neuroscience veröffentlicht.

Die Studie stelle die Annahme in Frage, dass Entscheidungen bewusst gefällt werden, sagt Autor Haynes. Viele Prozesse im Gehirn liefen unbewusst ab, ergänzt er. «Wir wären sonst schon mit alltäglichen Aufgaben der Sinneswahrnehmung und Bewegungskoordination völlig überfordert.»Das Team untersuchte die Gehirne der Probanden mit funktioneller Magnetresonanztomographie. Die Testpersonen konnten sich frei entscheiden, ob sie mit der rechten oder der linken Hand einen Knopf betätigen. Anhand einer vor ihren Augen abgespielten Buchstabenfolge sollten sie anschließend angeben, zu welchem Zeitpunkt gefühlsmäßig ihre Entscheidung gefallen war. Ziel des Experiments war es, herauszufinden, wo im Gehirn solche selbstbestimmten Entscheidungen entstehen - und vor allem ob dies geschieht, bevor es uns bewusst wird.

Unbewusste Anbahnung

Bereits sieben Sekunden vor der bewussten Entscheidung konnten die Wissenschaftler aus der Aktivität des frontopolaren Kortex an der Stirnseite des Gehirns vorhersagen, welche Hand der Proband betätigen wird. Zwar ließ sich die Entscheidung der Probanden nicht mit Sicherheit voraussagen, die Häufigkeit richtiger Prognosen lag aber deutlich über dem Zufall. Dies deutet darauf hin, dass die Entscheidung schon zu einem gewissen Grad unbewusst angebahnt, aber noch nicht endgültig gefallen war. Nach der Vorbereitung des Entscheidungsprozesses im frontopolaren Kortex werden die Informationen zur Ausführung der Tätigkeit und zur Festlegung des Handlungszeitpunkts in andere Hirnbereiche übermittelt.

Aus den grün markierten Regionen lässt sich mit einer Mustererkennungssoftware die freie Entscheidung für einen linken oder rechten Knopfdruck vorhersagen.

Aus den grün markierten Regionen lässt sich mit einer Mustererkennungssoftware die freie Entscheidung für einen linken oder rechten Knopfdruck vorhersagen.

Bild: Haynes

Anders als in vorausgegangenen Experimenten untersuchten die Wissenschaftler Situationen, in denen eine Entscheidung zu einem selbst gewählten Zeitpunkt stattfindet. «Bisher hat die Forschung in der Regel Prozesse betrachtet, bei denen der Proband sich sofort entscheiden muss. Viele interessante Entscheidungen erfolgen aber in einem eigenen, selbstgewählten Tempo», erläutert Haynes.

«Normalerweise untersucht man die Hirnaktivität einer Person, während sie eine Entscheidung trifft und nicht schon Sekunden vorher», erläutert der Neurowissenschaftler. «Dass selbstgewählte Entscheidungen vom Gehirn schon so früh angebahnt werden, hat man bisher nicht für möglich gehalten.»Schon vor mehr als 20 Jahren hat der US-Neurophysiologe Benjamin Libet mit einem Experiment zur Messung der zeitlichen Abfolge einer bewussten Handlungsentscheidung und ihrer motorischen Umsetzung für eine heftige Debatte um die Willensfreiheit gesorgt. Libet war es gelungen, ein Gehirnsignal, das sogenannte «Bereitschaftspotential», zu messen, das einer bewussten Entscheidung um einige hundert Millisekunden vorausgeht. Wenn Entscheidungsprozesse unbewusst ablaufen, so argumentierten danach einige Wissenschaftler, ist der freie Wille eine Illusion - das Gehirn entscheidet, nicht das «Ich».

Andere bezweifelten dagegen die Aussagekraft von Libets Daten, vor allem wegen der kurzen Zeitspanne zwischen Bereitschaftspotential und bewusster Entscheidung. Da Haynes und seine Kollegen die Vorbereitung der Entscheidung über weit längere Zeiträume beobachteten, konnten sie diese Zweifel nun aus dem Weg räumen. Einen endgültigen Beweis gegen die Existenz eines freien Willens sehen sie darin noch nicht. «Nach unseren Erkenntnissen werden Entscheidungen im Gehirn zwar unbewusst vorbereitet. Wir wissen aber noch nicht, wo sie endgültig getroffen werden. Vor allem wissen wir noch nicht, ob man sich entgegen einer vorgebahnten Entscheidung des Gehirns auch anders entscheiden kann», gibt Haynes die Richtung für weitere Forschung vor. (nz/MPG)

Quelle: netzeitung.de


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