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14.03.2012 / stega

Vertreter der alten Schule

Herr Doktor Metzger ist Oberarzt. Auf der Hierarchie-Leiter innerhalb der Wände des Krankenhauses also schon recht weit nach oben gestiegen, zumal er zusätzlich das nötige Alter hat, das Umstehenden und Untergebenen Respekt abverlangt. Außerdem ist Herr Metzger ein Vertreter der alten Schule. Zumindest ein halber, denn ab und an sind Scherze und bissige Kommentare dabei, die das Ganze auflockern sollen.

Am Tisch im OP stehen (wie mehrfach geschrieben) 3 Ärzte oder was sich dafür hält. Der Operateur aka Herr Dottore Metzger, die erste Assistenz aka Flotte Biene und die zweite Assistenz aka Fam, denn der einteilende Oberarzt hat einfach keine Lust sich noch den Namen eines zweiten Famulanten merken zu müssen, wenn er sich schon den des ersten gemerkt hat. Der wird dann eben mit Nachnamen auf den OP-Plan gesetzt und der andere bleibt als Fam stehen. Dein neuer Name, bitte sehr, viel Spaß damit. Gratis. Im halben Jahr wirst du dann “Piiidschäi“(PJ’ler) heißen. Also gewöhn dich nicht zu sehr an dein Fam.

Neben den ärztlichen (oder fast ärztlichen) Tischstehern gibts noch die Geräteschuppen-Schwester, die das Metall und alles andere anreichen muss. Multitasking und so. Und als letztes springt der Springer im OP rum, der die fehlenden Sachen in den Geräteschuppen wirft, wenn der Operateur mal wieder zu neuen experimentellen Ufern strebt oder Fäden, Kompressen und sonstiges Kleinvieh zur Neige gehen sollten.

Nachdem der Springer an diesem Tag Fam bereits wegen dessen Haarbedeckung anmahnte und ihm beim Umschnüren halb die Kehle zudrückte (“da können hinten unten Haare rausfallen!” – “ah ja, danke” (sie fallen mir auch spontan oft in Büscheln vom Kopf)), folgte Akt zwei.

Während die OP vor sich hinplätscherte und der zweite Assistent versuchte seinen Job “Haken und Klappe halten” möglichst gut zu machen, kam ein toller und für die Generation vor uns typischer Spruch. Die Situation dazu war die folgende: weil ein Haken abzurutschen drohte und Assi #2 deswegen kurzerhand selbstständig nachgriff, sah sich Dottore Metzger dazu genötigt Assi #2 darauf hinzuweisen, dass ein mitdenken in der Chirurgie in der Position des Assi #2 nicht erwünscht sei und man sich einfach nur still zu halten habe. Und sich bloß nicht trauen sollte, Eigeninitiative ergreifend, einen gesetzen Haken nachzufassen, nachzusetzen oder dergleichen (zumindest nicht bei Doktor Metzger, denn es gibt in der Tat auch solche Operateure, die sich über aktives Mitdenken, Nachführen und Mitmachen freuen). Als es Fam schließlich wagte, bei drei hingehaltenen Haken umgreifen zu wollen und zwei mit einer Hand bzw Unterarm der einen Hand und den dritten mit der anderen Hand zu halten, musste Doktor Metzger einschreiten:

Was machen Sie denn da? Habe ich Ihnen das autorisiert?
“‘hm nein, aber ich dachte Sie wollen mir den Haken auch noch geben und habe wie am Tisch beim Chef schonmal umgegriffen”
Sie sollen aber nicht denken! Kennen Sie den Ausdruck Katatonia cerumen?
“ähm… *grübel**wasistdasfürnescheißfrage?undwelcheAntwortgebeichdarauf?* also Cerumen ist das, was ausm Ohr rieselt…”
“Welches Semester sind Sie denn??”

Da war es wieder, das tödliche Argument. Kurz vorm Ende muss man alles wissen, alles gehört haben und alles können. Da gibt es kein “hatten wir noch nicht, kommt noch, weiß ich leider noch nicht”. Jetzt ist alles durch, jetzt muss es erklärt werden. Oder versucht.

“Naja, ich komme ins letzte Semester….”
“Na also, dann hatten Sie doch schon den Kurs Psychiatrie”
“Oh ja, aber das liegt schon ein paar Semester zurück”
“Ha sehen Sie Frau Flotte Biene - bei mir liegt das 30 Jahre zurück und ich solls noch wissen, aber paar Semester zurück…”
“Das ist verdrängt! Aber Katatonie ist Schockstarre!”
“Na also. Und genau DAS wünsche ich mir. Katatonie cerebrum (oder wars doch cerumen?) ist, wenn der Patient plötzlich schockstarrig verharrt und so unbewegt bleibt. Und genau so stell ich mir den idealen zweiten Assistenten vor.”

Tschagga. Das saß und das im Geheimen geführtes “Good-Will-Konto” für den Kollegen war auf einen Streich auf 0 abgestürzt. Die erste OP mit einem neuen Operateur und dann  so einen Spruch loslassen. Guter erster gewonnener Eindruck.

Im weiteren Verlauf Frotzeleien mit Flotte Biene und Geräteschuppewärterin, zwischendurch der Hinweis, dass man als zweiter Assi bei dieser OP-Art nicht nur Haken halten und wegdösen dürfe (ach jetzt plötzlich doch mehr?) und immerhin am Ende noch Anleitung an Assi #2 wie ein bestimmter Knoten zu setzen sei, den dieser auch gleich noch ausprobieren durfte.

Wollen wir mal nicht Nachtragend sein. Es sind halt doch “nur” Chirurgen.

to be continued

LifeReport-History: vor einem Jahr: "letztes Wochenende, Wiedersehen, Mozart, Romantik"
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  1. Ha / Feb 18 2014 22:48

    so wahr….auch wenn schon paar jahre zurück liegen ….soooo wahr. wollte bis dato was chirurgisches machen, aber mir verlfiegt dank solchen bekloppten chirurgen die lust zur chirurgie….

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