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30.06.2012 / stega

süchtig

Ich glaube ich bin süchtig. Wirklich süchtig. Ernsthaft. Psychiatrisch diagnostiziert. Meine Sucht ist (zum Glück) weder Alkohol noch eine andere klassische Droge. Meine Sucht ist das Rennrad.

Ich habe mir die Vorlesungsfolien aus der Psychiatrie vom sechsten Semester nochmals angesehen und bin dabei auf den “Merkspruch” des AZTEKEN gestoßen. Jeder Buchstabe steht dabei für ein typisches Symptom einer Suchterkrankung. Und ich muss ehrlich reflektiert zugeben, dass ich bei fast allen Punkten Zustimmung äußerte.

Ich will es im Folgenden kurz aufzeigen:

A – Anhaltender Konsum trotz negativer psychischer und physischer Folgen
Klar, siehe die Knieschmerzen dieses Jahr, das vergangene Jahr und das Jahr davor. Jedes Jahr im Frühjahr das gleiche Problem und trotzdem fahre ich sowohl mit Schmerzen als auch davor und danach weiter. Und nahm (noch viel schlimmer) Ibu, um den Schmerz unterwegs nicht zu spüren.

Z – zwanghafter Wunsch zum Konsum
Den gibt es. Sobald das Wetter gut wird und die Sonne sich zeigt, muss ich raus und aufs Rad. In mir schreit alles danach und ich werde unruhig, wenn ich dem Wunsch nicht nachgebe.

T – Toleranzentwicklung
Ja, es wird immer mehr. Waren es 2009 noch 25km für die Trainingsrunde nach Feierabend, so wurden es vergangene Saison schon mehr und spät. in diesem Wintertraining mit zwei Folgen Dr. House hintereinander war dann wieder eine Schippe mehr draufgelegt. Inzwischen ist die Trainingsrunde mind. 40km lang. Nennt es Training, aber es ist auch irgendwie unbefriedigend, wenn ich nur 25km fahren würde. Dann hätte ich nicht “genug”.

E – Entzugssymptome
ja. Wenn ich nicht aufs Rad darf, dann gehts mit nicht gut, ich werde hibbelig, kann nicht ruhig sitzen, dauernd drehen sich die Gedanken um das Rad und was ich jetzt fahren könnte, um die Kilometer, die mir entgehen und um neue Highscores, Ziele und Vorhaben, die ich doch erreichen wollte/könnte.

K – abnehmende Kontrollfähigkeit des Konsums
ja. Unterwegs kam es inzwischen oftmals vor, dass ich die geplante Runde spontan noch um “ein oder zwei Dörfer” erweitert habe und die Runden dann länger wurden als ich es zunächst vorgehabt hatte. Ob ich das machen “muss”, weiß ich nicht, bisher hatte ich einfach “Zeit und nichts besseres zu tun”.

E  - eingeengtes Verhaltensmuster
ja. War es am Anfang noch der Spaß, der im Vordergrund stand, wurde daraus schnell der Spaß am Sport, an der Möglichkeit abzuschalten und die Umgebung genießen zu können. Inzwischen ist es manchmal einfach nur noch Gewohnheit bei gutem Wetter, dass ich aufs Rad muss (was denn sonst?) oder es gibt eine neue persönliche Zielmarke, die ich erfüllen will (muss) (z.B. 1000km im Monat) und wofür ich mich dann auch morgens mit Wecker und schmerzenden Beinen rausquäle.

Eigentlich kann ich also jeder Diagnose-Hilfe zustimmen. Es war erschreckend, als ich das realisiert hatte.

Und dieses Wochenende versuche ich im Heimaturlaub mal abzuschalten und trotz guten Wetters nicht ans Rad zu denken. Ich hoffe, dass in den kommenden vier Wochen Uni wieder weniger Zeit sein wird und diese eingeschränkte Freizeit meinen Konsum verringert – ansonsten sollte ich mir ernsthaft Gedanken machen, oder?

Was meinen meine Rennrad-begeisterten Kollegen dazu? Oder habt ihr Mitleser auch eine “Sucht”, deren Befriedigung andere für “übertrieben stark” halten?

to be continued

LifeReport-History: vor einem Jahr: "Anästhesie-Klausur"
LifeReport-History: vor drei Jahren: "Arschlöcher"
  1. Georg / Jun 30 2012 20:55

    Hey,
    ganz klar, Sowas wie eine Sucht ist es auch. Hier ist sogar mal ein Extremfall dokumentiert und medizinisch erklärt. http://www.rennrad-news.de/forum/threads/sportsucht.98002/#post-2111266
    Für mich ist es ähnlich. Ein paar Tage ohne Sport führen bei mir verstärkt zu unkonzentriertheit, ich werde gereizt und so.

    So krass, dass wie im Forum beschrieben ist es nicht… aber es reicht.

    Grüße,
    Georg

  2. Michael / Jul 1 2012 15:20

    Vielleicht solltest Du den Verein der anonymen Rennradler gründen… ;-)
    Andererseits: solange DAS deine einzigen Suchtprobleme sind – da gibt es schlimmeres: Fernsehen, Internet, Rauchen, Alkohol… Einfach dazu stehen und weiter rauf auf den Sattel – viel Spaß! :-)

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