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04.07.2012 / stega

das erste Mal…. frische Leichen & eine Obduktion

Obduktion, lat. obducere = bedecken.

Im Rahmen der zweiwöchigen Blockwoche Rechtsmedizin steht eine Obduktion auf dem Stundenplan. Eine “öffentliche” Obduktion. Öffentlich deswegen, weil neben den Medizinstudenten der Blockwoche auch Juristen anwesend sind, die im Rahmen ihres Studiums anscheinend mind. eine Obduktion “ertragen” müssen (und einige Vorlesungen in der Rechtsmedizin hören). Außerdem können auch Studenten der niedrigeren Semester anwesend sein (sofern sie sich trauen bzw. Interesse daran haben, ich war bisher aus Zeitgründen und fehlender Lust nicht, schade eigentlich).

Nun also den dritten Tag Rechtsmedizin. Die Begrüßung am ersten Morgender Blockwoche um 8.30Uhr: der österreichische Chef des Institutes betritt die Bühne und bereitet uns gleich darauf vor, dass er einen aktuellen Fall für uns habe. Und schon wird die frische Leiche in den Hörsaal geschoben. Rot lackierte Fingernägel, mittleres Alter. Das Grummeln in den Reihen verstummt. Darauf hatte sich niemand eingestellt. Dennoch scheinen wir in der Mehrzahl inzwischen so weit abgehärtet zu sein, dass uns selbst die Anwesenheit einer frisch Verstorbenen nicht mehr schockt, sondern neugierig werden lässt. So ist es kein Wunder, dass wir im Folgenden dem Chef an den Lippen hängen, als dieser mit einer Videokamera die Leiche abfilmt und für uns auf große hängende TV-Geräte projiziert. Das erste Mal eine wirklich frische Leiche vor uns.

Klar, wir hatten den Präpkurs mit unserer Leiche und den anderen Leichen im Raum. Aber diese waren konserviert, rochen schrecklich-bissig nach Formalin, hatten keine natürliche Hautfarbe mehr, waren nicht mehr “menschlich”. Im Rahmen der Pathologie hatten wir teile einer Obduktion miterlebt, aber keine komplette Leiche daliegen gehabt. Herz, Lunge, Niere, Leber, das sind aber eher “Puzzleteile” und kein Mensch, den man vor sich hat. Aber jetzt. Frisch, man würde fast sagen wollen: rosig und wie schlafend. Wären da nicht die Todeszeichen wie Totenflecken und Totenstarre.

Die ersten beiden Tage vergingen mit Vorlesungen zur Rechtsmedizin, untermalt von Geschichten, die der Chef aus seiner langen Laufbahn einbringen konnte. Und jeder Menge Fotos. Beim Chef noch als Dias (wie urig), bei seinen jüngeren Mitarbeitern als PowerPoint-Fotos. Oder im Rahmen einer täglichen “Demo” als Fotografien vom Tatort durch die Polizei, dazu die Organe, die untersucht bzw. relevant sind auf dem Sektionstisch liegend. Was ich in den zwei Tagen alles gesehen und gehört habe, man könnte Alpträume bekommen.

Da sind einerseits die “normalen” (weil frische) Leichen. Fast noch harmlos. Dann aber folgen solche, die ermordet wurden, autoerotische Methoden praktizieren und  dabei sterben, erstochene Opfer, Erhänge, Erdrosselte. Und am Ende der Kette stehen die bereits faulenden Körper, die verwesenden Körper, solche, die mit tausenden von Maden besiedelt sind, halb anverdaut, halb skelettiert, aufgedunsen, Wasserleichen, Schimmelbefall…. kein Horrorfilm kann uns mehr schocken, wenn man das gesehen hat. Dabei muss man sagen: skelettierte Leichen sind schon fast nicht mehr so gruselig wie solche, die noch deutlich mehr menschliche Züge zeigen.

Am dritten Tag stand dann eine Leichenschau und die erwähnte Obduktion auf dem Plan. Die Leichenschau in kleiner Gruppe an einem frisch Verstorbenen. 12 h zuvor im Uniklinikum. Kittel und Handschuhe und dann Berührung mit einer Leiche, die vor uns auf dem Tisch liegt. Einige mehr, andere weniger, jeder soviel, wie er möchte und meint fühlen zu wollen. Interessant, lehrreich, aber auch hier wieder: ab und an schießen die Gedanken auf, dass da ein gerade noch lebendiger Mensch vor einem liegt, der Familie, Hinterbliebene, ein Leben hatte. Und die Frage, was nun mit ihm ist. Wo bleibt das ICH, wo bleibt die Seele, wie geht es weiter? Ist es einfach aus?

Nach der Leichenschau schloss sich die öffentliche Obduktion an. Juristen mit weißer Nase, Mediziner in zunehmend schläfriger Stimmung (der Hörsaal warm, den ganzen Tag belegt und entsprechend schlechte Luft (auch weil keine Klimaanlage oder ähnliches vorhanden). Es folgt ein aktueller Suizid durch Erhängen, die Kripo ist anwesend, gerichtliche Obduktion zur Abklärung, ob der Tod wirklich ein Suizid war und kein Fremdverschulden.

Nach Einführung durch den Chef packte die (was ist die offizielle Bezeichnung?) Präparatorin an, ein Messer, das jedem Küchenchef die Tränen in die Augen treiben würde. Mit beherztem Griff war der Schnitt getätigt: Schulter bis Schulter und mitten am Körper bis zur Schamgegend. Aufklappen der haut, abtragen des Fettgewebes und schon waren alle Körperhöhlen eröffnet. Herz absetzen und am Nachbartisch vom Arzt filetiert, untersucht und aufgeschnitten. Es folgten die anderen Organe (Milz, Leber, Magen,…), die Haut des Halses wurde gen Kopf abpräpariert (nicht abgetrennt!), der Kehlkopf samt Zunge und Lungen herausgelöst und untersucht. Fast wie im Präpkurs nur viel viel schneller, weniger vorsichtig wie bei uns im dritten Semester (wir mussten ja auch Gefäße und Nerven darstellen). Man sah, dass es nicht die erste Obduktion der Präparatoren war.

Während der Arzt die Organe weiter präparierte, skalpierte die Präparatorin die Schädelhaut von Hinterhaupt nach vorne und klappte diese dann über das gesicht (wollt ihr das eigentlich so genau wissen?). Danach mit Fuchsschwanz Aufsägen des Schädels, Aufmeißeln und schließlich Herauslösen des Gehirns und Untersuchung desselben.

Leider muss ich euch hier mit euren Vorstellungen alleine lassen, denn nach 1,5h war die öffentliche Obduktion beendet. Grundsätzlich wird am Ende alles wieder in den Körper, der inzwischen eher an ein ausgeweidetes Tier erinnerte, und der Körper wird zugenäht. Die gesamte Prozedur erinnerte phasenweise an eine Schlachtung, an ein Gemetzel. Harte Nerven, volle Mägen und nicht zu viele Gedanken daran, dass vor einem ein Mensch liegt, sind einige der Coping-Strategien, die man (als Mediziner?) entwickelt. Abgebrüht. Interesse. Neugier.

Alle blieben ernst, brachten dem Leichnam den nötigen Respekt entgegen und verhielten sich respektvoll. Auch wenn die gesamte Situation ein wenig makaber war…. aber das ist wohl auch nur eine Frage der Gewöhnung.

to be continued

  1. Xanni / Jul 5 2012 15:00

    Wir hatten damals in der Ausbildung die Möglichkeit, an einer Obduktion teilzunehmen. Ich hatte mich als einzige von 30 Weibern in die Liste eingetragen, durfte aber nicht, weil ich schwanger war. Heut ist’s in der Ausbildung für meinen Beruf gar nicht mehr drin. Ich find das schade, bisserl Hintergrundwissen ist nämlich nicht schlecht.

    • stega / Jul 5 2012 17:55

      finde ich, v.a. in Bezug auf die Juristen, auch gut, dass die eine miterlebt haben müssen. Sonst wissen sie ja gar nie, was so eigentlich der Rechtsmediziner, den sie beauftragen, macht.

      • Michael / Jul 5 2012 20:31

        Hmmm – ist eigentlich im Prinzip egal. Wichtig ist für einen Juristen doch nur das Ergebnis des Pathologen. Ob er nun einmal bei einer Obduktion dabei war oder nicht, ist geschenkt.

  2. Crysanthes / Jul 6 2012 07:47

    War es am Ende Suizid?

    • stega / Jul 6 2012 07:50

      ja war es. (war eigentl. auch von Anfang an klar, dass es wohl darauf hinaus laufen würde. schon äußerlich sprach alles dafür)

  3. londonparisny / Jul 7 2012 18:27

    Deine Beschreibungen der Maden erinnern doch ein wenig an Simon Beckett… ;)
    Spaß besiseite. Respekt, ich könnte das wohl nicht. Bleibe dann doch bei den Filme, Büchern und meiner Phantasie.

Trackbacks

  1. das erste Mal…. Leichenschau « LifeReport

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