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22.08.2012 / stega

Urlaub in der Türkei – Arzt an Bord?

Eine Woche Erholung geht zu Ende. Sonne, Wärme, Meer, Entspannung. Was das Herz begehrt. Einmal die Seele baumeln lassen nach dem Stress des Semesters (der eigentlich gar kein so großer war) und noch einmal Kraft tanken, bevor es ab Montag ins nächste Abenteuer (Praktisches Jahr) gehen wird. Da der Kurztrip nach Hamburg dafür nicht wirklich geeignet war, hatten wir eine Woche All-inclusive in der Nähe von Alanya gebucht – ich war bereits vor 2 Jahren mit meiner Ex dort und nun sollte es wieder in diese Richtung gehen – denn preislich ist die Region immer noch ungeschlagen für das, was einem geboten wird.

Die Woche war einfach traumhaft. Nichts konnte die Erholung trüben:

  • das Hotel perfekt,
  • das Essen viel zu viel (nach 3 Tagen war ich überfressen)
  • die Mitarbeiter zuvorkommend und nett
  • das Wetter mit durchgehend 38°C tagsüber beinahe schon einen Tick zu heiß,
  • das Meer glasklar (bis > 3m nach unten konnte man ohne Probleme sehen) und warm, sodass man eigentlich gar nicht mehr rausgehen wollte
  • der Pool (es gab zwei) schön warm
  • das Zimmer funktionell (was braucht man schon mehr als ein Bett, ein Bad und eine Klimaanlage?)
  • der Hinflug dank WebCheckin und verbleibendem Drop-off super entspannt und schnell
  • der Rückflug dank leerem Fenstersitz in unserer Reihe für die Beien angenehm(er), da nur zu zweit in einer Dreierreihe sitzend (dafür aber vor mir einen Deppen, der uuuunbedingt Liegeposition einnehmen musste – Vollhonk)

Ausgewählte, kurze Episoden will ich festhalten (nicht alle in diesem Beitrag, keine Sorge :) ), der Rest ist normales “Urlaubsgeplänkel” (ach wie toll war doch das Essen, ach wie toll war doch….), deswegen erspare ich euch ausufernde Bewunderungsstürme und denke lieber mit einem Schmunzeln und leichter Wehmut daran zurück.

Arzt an Bord?

Wir scherzen noch am Vorabend des Abfluges, dass wir als zwei angehende Mediziner an Bord ja dann für Sicherheit sorgen können. Bzw. meine Schwester lästert eine Runde über unser medizin-praktisches Nichtwissen und meint, wir könnten eher die Maschine zusammenschrauben als einen Notfall behandeln.  hahaha.

Doch das Lachen blieb uns schnell im Halse stecken. Kaum hatten wir den Bodenkontakt verloren und erreichten unsere Flughöhe, kam 3 Reihen schräg hinter uns Geschrei auf – und eine hineilende Stewardess. “Wir haben einen medizinischen Vorfall an Bord, ist ein Arzt an Bord?” – von meiner Position am Gang (wegen der Beine absichtlich gebucht) konnte ich sehen, wie ein männlicher Mitflieger, vielleicht Ende 50, Anfang 60 mit nach oben gedrehten Augen, offen stehendem Mund und wohl nicht ansprechbar auf seinem Gangplatz zusammengesunken saß (war er vorher nach vorne gekippt?). Blass im Gesicht, kurz darauf erahnte ich Schaum vor Mund und Nase.

Ein Blick zu meiner Begleitung nach rechts und die fragende Erwiderung. Sollen wir als Medizinstudenten auf eine solche Durchsage reagieren? Nach  5 Jahre Studium und 10 Semestern sollte man meinen, dass wir in der Lage wären, einen Notfall adäquat zumindest grundlegend anzugehen. Aber: uns wurde zum ersten Mal bewusst, welche medizinischen Krüppel wir eigentlich sind. Völlig überfordert. Keine Ahnung, welche Diagnosen sich stellen, was wir tun könnten ohne unsere Hightechapparate und ohne 5 Antwortmöglichkeiten, aus denen wir eine Antwort auswählen können. Ja, wir hatten Notfallmedizin – 2 Tage lang. Und was lernten wir dabei? Intubation, was wir bei großen Autounfällen zu tun haben etc…. aber nicht, was wir in einem solchen (eher internistischen) Fall tun können, wenn wir nicht mit dickem Rettungskoffer unterwegs sind. Eine Risswunde, ein Knochenbruch, eine ausgekugelte Schulter – das hätte ich “behandeln” können. Das habe ich gesehen. Getan. Aber internistisch oder unklare Fälle? Keine Ahnung. Unsere Differentialdiagnosen gingen von Herzinfarkt über Epilepsie über Kreislaufkollaps über Infektion (Meningitis?) bis hin zu normaler Magen-Darm-Infektion mit Komplikationen und Unterzucker….. aber was genau tun?

Es erschütterte uns, wenn ich ehrlich bin, bis tief ins Mark. Keine Ahnung zu haben und sich dessen bewusst zu werden. Klar, Blutdruck, Puls hätten wir mit dem kleinen Messgerät messen können. Vielleicht noch Blutzucker (daran habe ich gedacht). Aber dann? Stehst du mitten im Flugzeug, 100 Leute (und mehr) starren dich an und denken, du weißt bestimmt, was zu tun ist. Große Bühne. Großer Auftritt. Große Versagensangst. Und dann keine Ahnung haben.

Dazu die Aufregung der Umsitzenden, das arme kleine Mädchen im Platz davor, dass völlig verängstigt sein Kuscheltier an sich presste.

Wir haben uns nicht gemeldet. Wir haben uns nicht getraut. Aber eine Krankenschwester. Und die machte dann das, was wir auch getan hätten. Blutdruck und Puls messen. Kotztüte bereithalten.

Den Rest des Fluges verbrachte der Mann dann in liegender Position über die 3 Sitze hinweg. Und am Zielflughafen wartete bereits der Arzt in der Gangway auf ihn.

Was mit dem Mitflieger war, erfuhren wir (leider) nicht mehr. Dafür aber quälten uns zwei Tage lang Vorwürfe und Gedanken über den Vorfall. Und es reifte der Entschluss, dass wir uns beim nächsten Mal sollte so etwas geschehen, egal was kommen möge, uns melden werden. Denn jede erdenkliche Hilfe – und sei sie noch so unproduktiv – ist wenigstens eine Hilfe (diesen Appell habe ich zwei Tage später beim Panikcast gehört – hat mich tief berührt).

Ich hoffe dem Mitflieger geht es inzwischen wieder gut und er hatte doch noch ein paar schöne Urlaubstage in der Türkei.

Weitere Kurzgeschichten gibt es in den folgenden Tagen!

Zunächst aber das Fotoalbum:

hier gehts zum Fotoalbum

to be continued

LifeReport-History: vor drei Jahren: "Plüschtier-Klinik"
  1. loeffle / Aug 22 2012 21:21

    Schön, dass der Zweck erreicht wurde.
    Meins wärs da unten im Hochsommer glaub ich nicht.
    Hatte bisher erst einmal einen “Arzt an Bord”, komischerweise auch IST -> Stuttgart.

    • stega / Aug 22 2012 21:23

      Ja der Zweck ist definitiv erreicht worden ;) *hach*
      Magst du die Hitze nicht so oder den Rummel der Touristen?

      Anscheinend haben Flüge in und aus der Türkei einen “Arzt an Bord”-Bonus – dann hoffe ich, dass ich das nächste Mal tatkräftig Hilfe leisten kann, sollte ich wieder in die Türkei fliegen.

      • Loeffle / Aug 23 2012 20:43

        Massentourismus mag ich nicht so arg und Türkei im Hochsommer ist mir auch ein bisschen zu heiß ;)

  2. Stefan / Aug 22 2012 22:51

    Ich sag mal das, was ich in jedem Erste-Hilfekurs sage: das Wichtigste ist, sich zu überwinden überhaupt etwas zu tun. Was man dann tut ist fast schon wieder egal :)

    • stega / Aug 22 2012 22:54

      genau DARAN hab ich dann gedacht, als ich euch im Podcast hörte und deswegen den Entschluss gefasst, das nächste Mal definitiv aufzustehen. Egal, was kommen mag. Und sei es nur Händchen halten, was ich dann tun kann. :)

  3. politgirl / Aug 26 2012 19:13

    Oh je…………

Trackbacks

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