Patientin
“Sie sind so nett und so bemüht. Sie kümmern sich so toll um mich. Das ist für Sie” – das war die “Krönung” des Kontakts mit der Patientin.
Sie kam zu uns zur Chemotherapie, ein weiterer Zyklus laut Plan. Um 10.30 Uhr wurde sie durch die Rettungssanitäter gebracht. Und saß dann im Aufenthaltsraum. Und saß. Und saß. Denn ihr Zimmer war zunächst noch durch eine andere Patientin belegt, die noch die letzte Infusion ihrer Chemo erhalten musste. Zur Mittagszeit dann wenigstens ein Mittagessen für die Patientin organisierbar. Und ich musste sie stechen, denn wir brauchten bis um 14 Uhr das Blut im Labor um die Chemo bestellen zu können (anhand der Blutwerte tagesaktuell zusammengemischt). Also stellte ich mich das erste Mal bei ihr vor, sie erfuhr meinen Namen (und merkte sich diesen auch sofort – und das mit über 85 Jahren!). Blut kam (zum Glück) dann auch genug (trotz schlechter Venen).
Den gesamten Mittag saß sie nun im Aufenthaltsraum, ich konnte sie nicht aufnehmen und nicht untersuchen – nicht in der Öffentlichkeit und nicht, wenn im Aufenthaltsraum mind. 1 anderer Patient sitzt und Zeitung liest. Nach meinem Mittagessen saß sie immer noch, jetzt aber allein. Ich nutzte die Chance und interviewte sie zumindest kurz im Aufenthaltsraum über eventuell neu aufgetretene Symptome seit der letzten Chemo. Die körperliche Untersuchung, die man in der Öffentlichkeit durchführen kann, beschränkte sich auf grob neurologische Untersuchung (Pupillen und Mund) und ein wenig Herz abhören von oben din die Bluse greifend. Mehr ging natürlich nicht. Danach erklärte ich ihr mienne Status und dass ich noch kein Arzt sei. Ich erzählte ihr kurz, was das PJ ist und mein Wahlfach. Sie fragte natürlich nach, was ich denn als Fach machen will. Und gestand dann, dass ich ein bestimmt toller Arzt wäre. Denn ich – und jetzt siehe den Satz eingangs. Hach, sehr schön
Ein netter Chirurg also? Gibts das wirklich? *lol*
Sie selbst habe ja auf Gynäkologie getippt. Denn ich habe so große und dünne Finger. Das wäre ja ideal. *hihi* Oh, daran hab ich noch nicht gedacht gehabt. Aber mh…. ne, Gyn ist nicht so mein Fall. Ich glaube das ist mir zu anstrengend mit den Kindern, Geburten, Hebammen und hyperaktiven Gynökologinnen.
Ich versprach mich abschließendum das Zimmer zu kümmern, damit sie endlich mal aufs Bett liegen kann. Immerhin bekam sie schwer Luft und war stark dyspnoisch (Atemnot).
Das Zimmer war längst leer, ein Bett gab es nicht. Denn die Bettenfrau hatte noch keines reingestellt. Egal, trotzdem ließ ich die Patientin ins Zimmer, ein Stuhl, TV und Leselampe reichen doch erstmal. Und ein wenig Privatsphäre – nicht nur auf dem Flur und Aufenthaltsraum sitzend abwarten. Hach war die Dame erleichtert, dass sie endlich mal ihr Zimmer beziehen konnte.
Und prompt wollte sie sich bei mir “bedanken”. Und steckte mir einen kleinen Schein zu. Oh, das hatte ich echt nicht erwartet. Das gabs im Zivi damals. Aber jetzt als Weißkittel? Hach, das ist aber nett!
Trotzdem musste ich sie noch auf der Lunge abhören (auch ohne Bett geht das im Sitzen im Zimmer)…. und sah die drei “Leberflecke”, auf die sie aufmerksam gemacht worden war. Mh, die sahen nicht gut aus. Nun ja, ich werde es weitergeben und den Chef ansprechen, wenn er Visite machen wird.
Die Visite fand kurz darauf sogar statt und ich machte ihn drauf aufmerksam, als er sich die Lunge abhörte und meinen Befund bestätigte. Nur dann folgte seine – verständliche – Frage, ob denn mehr von diesen “Leberflecken” vorhanden wären. Tja, was soll ich sagen, ohne Bett konnte ich die Patientin bisher nicht untersuchen und auch nicht vo Kopf bis Fuß absuchen. Inzwischen war ein Bett m Zimmer, aber eben erst kurz vor Chefarztvisite.
Deswegen entgegnete ich ihm, dass ich das nicht wüsste aktuell. Und er erteilte mir gleich mal eine Ansage, dass es ja nicht viel sei, was wir Studenten machen müssten/dürften, aber das sollen wir gefälligst gründlich und gescheit machen und nicht nur drüberhuddeln. Tja, lieber Chef, ich bin ein kleiner “Kämpfer” und so etwas lass ich nicht auf mir sitzen. Also entgegnete ich ihm (sogar noch im Zimmer), dass bis zum aktuellen Moment ein Bett fehlte und ich deswegen keinerlei Untersuchung abschließen konnte. Ich wollte nur aufmerksam machen auf die Problematik und die Untersuchung danach abschließen. Was kann ich dafür, wenn stundenlang kein Bett vorhanden ist und die Patientin nur im Gang rumsitzt?
Die Gegenwehr fand er wohl nicht so toll (die Assiärztin meinte später, das könne er gar nicht leiden – Pech gehabt, ich kann auch nicht leiden, wenn ich angemacht werde wegen einer Sache, die ich nicht ändern kann, weil seine eigene Station so schlecht organisiert ist, das atemnot-leidende fast 90 Jährige nach 4 Stunden immer noch nur auf dem Gang sitzen müssen und kein Zimmer oder Bett angeboten bekommen.
Nun ja, das Ende vom Lied war, dass ich die Untersuchung natürlich noch gründlich abschloss (und keine weiteren Flecken fand). das hörte er am Ende der Visite und war dann doch ganz lieb und nett zu mir. Na also, geht doch. Vielleicht muss man auch einfach ab und an mal Contra geben, damit man sich Respekt verschaffen kann. Ich werde es kommende Woche sehen, wie er mit mir umgehen wird.
Und die Dame? Haben wir noch nachmittags punktiert und ihr über 1,5l Flüssigkeit aus dem Brustkorb abgelassen. Danach war auch die Atemnot besser. Ich bin gespannt, wie es ihr morgen früh gehen wird, wenn ich bei ihr vorbeischaue.
to be continued




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