das erste Mal…. Leichenschau
Die dritte Woche Onkologie-PJ begann mit einer weiteren Premiere: ich durfte das erste Mal bei einer Leichenschau auf Station dabei sein. Ich hatte im Block “Rechtsmedizin” bereits bei einer beigewohnt und dort auch eine Obduktion gesehen. Und ganz viel früher habe ich im Rahmen eines Praktikums mal bei einer kurz reinschauen dürfen. Aber eine richtige, bei der ich den Patienten vor seinem Tod kannte und lebend erlebt habe – das gab es bis hierhin nicht. Um es gleich am Anfang zu betonen: es war keine schöne Erfahrung und es berührt einen angehenden Mediziner (wie alle anderen auch). Trotzdem möchte ich davon berichten, wie es sich anfühlt und wie ich als angehender Mediziner darüber denkt.
Ich kannte den Patienten seit gut einer Woche, er war mit Fieber und einer Lungenentzündung bei uns auf Station eingeliefert worden. Als Grunderkrankung litt er seit 5 Jahren an einem bekannten Lungenkrebs, der trotz mehrfacher Chemo austherapiert war. Die Kombination aus Lungenkrebs und Pneumonie ist wahrlich keine sonderlich gute und so ging es dem Patienten entsprechend schlecht. Wir versuchten ihn mit Antibiotika zu behandeln und seine Luftnot mittels Sauerstoffgabe zu verringern. Im Laufe des stationären Aufenthaltes gab es viele Tage, an denen ich für die Blutabnahme bei ihm vorbeischaute. Immer wieder gab es Momente, da schien es mir, als ob es dem Patienten besser ginge, er wieder gesund (soweit man mit Krebsleiden gesund werden kann) wird und nach Hause darf. Zumindest noch einige Zeit. Und dann gab es Momente, da schien er den Kampf ums Überleben verloren zu haben. Er wurde ruhiger, die Atemnnot nahm zu und er war nicht mehr ansprechbar.
Seine Frau wachte viele Stunden an seinem Bett, sowohl in den guten als auch den weniger guten – und versuchte ihm irgendwie zu helfen und sein Leid zu mindern. Sie tat mir fast leid, wie sie da als Häufchen Elend an der Bettkante ausharrte.
Gegen Ende der Woche wurde vereinbart, dass der Patient vielleicht am Wochenende einen Stationsurlaub nehmen könne, wenn sein Zustand es erlaube und er nicht mehr fiebrig sei. Denn: seine Tochter würde am Wochenende heiraten und er bei der Hochzeit vorbeischauen – zumindest kurzzeitig.
Leider musste dieses Vorhaben am Freitag komplett verworfen werden, denn sein Zustand hatte sich derart verschlechtert, dass die Situation inzwischen äußerst ernst wurde und es so schien, als ob er das Wochenende nicht überleben würde. Sohn, Mutter und Tochter fragten mit Tränen in den Augen beim Chef an, was er denn zu einem Kurzbesuch des Brautpaares im Krankenhaus persönlich sagen würde und bekamen den Rat, trotz allem die Stippvisite beim Vater zu unternehmen. Schon alleine aus dem Grund, um sich nicht vorzuwerfen, ihn am eigenen Jubeltag vergessen zu haben bzw. ihm die Möglichkeit verwehrt zu haben seine Tochter in weißem Brautkleid zu sehen, bevor er starb.
Das Wochenende kam und ging – wir erfuhren, dass das Brautpaar tatsächlich am Hochzeitstag gekommen war und sich der Zustand des Vaters in dieser Zeit unerwarteterweise gebessert hatte, sodass er seine Tochter in weiß wirklich mitbekommen haben mag. Am Abend vor der Hochzeit hatte er zu seiner am Bett sitzenden Frau gemeint “Ich darf noch nicht gehen. Nicht, bevor sie geheiratet haben” .
Als die Hochzeitsgesellschaft sich auflöste und die Nacht vorüber ging, da verschlechterte sich der Zustand des Patienten drastisch. Fast, als ob er abgewartet hatte, dass die Feiereien beendet würden und er in Ruhe und ohne die Stimmung dort zu beeinflussen sterben könne.
Die Familie versammelte sich in seinem Krankenzimmer und wachte über ihn. Von Seiten der Mediziner bekam er gegen Schmerzen Morphin, was aber gleichzeitig die Atmung beeinflusst und bei Lungenentzündung eigentlich nicht geeignet ist. Aber in dieser Situation ging es nicht darum eine Heilung herbeizuwirken, sondern ihm seine letzten Stunden möglichst erträglich zu gestalten.
Kurz nach der morgentlichen Visite schlief der Patient friedlich ein. Er hatte es geschafft und durfte gehen.
Die Familie zündete eine Kerze für ihn an und nahm das letzte Mal Abschied von Ehemann und Vater.

Nach zwei Stunden der Ruhe lag es auf Seiten der Assistenzärztin die gesetzlich vorgeschriebene Leichenschau durchzuführen. Eine schwierige Situation, emotional belastend, denn schließlich hatten wir den Patienten eine Woche lang betreut und kannten ihn näher. Mediziner sind auch nur Menschen (mit weißem Kittel, aber trotzdem mit weichem Inneren).
Mit mulmigem Gefühl betraten wir das Zimmer. DIe Kerze brannte noch, wir bewegten uns andächtig und senkten die Stimme, als wir ans Bett mit dem Leichnam traten. Beinahe hätte ich ein Kreuzzeichen gemacht – dabei bin ich gar nicht so religiös. Es war ein Impuls, aber ich behielt ihn in mir zurück.
Die Schwestern hatten den Patienten zugedeckt, die Hände gefaltet und seinen Kopf mit einem Handtuch gestützt, damit er gerade lag. Die Augen waren geschlossen und der Leichnam bereits weißlich. Fast schien es, als schlafe er nur. Doch die Totenflecken waren bereits sichtbar – eines der sicheren Todeszeichen. Und auch die Totenstarre, die wir untersuchen mussten, hatte bereits im oberen Bereich des Körpers eingesetzt. Zu testen blieben die Pupillenreaktion (beide Pupillen ohne Reaktion und normal weit gestellt), sowie der zentrale Kreislauf (ein leises Rauschen des Blutes kann man noch hören, aber Herzschlag etc. sind bereits nicht mehr wahrzunehmen). Auch die Atmung als weiteres Zeichen hatte ausgesetzt.
Totenflecken am Rücken und untere Körperpartien im Liegen zeigten uns an, dass unser Patient tatsächlich gestorben war (und nicht nur durch Medikamente oder andere Ursachen keinen Kreislauf und Atmung mehr hatte). Man “funkionierte”, spulte sein Programm ab und versuchte sich auf die zu untersuchenden Punkte zu konzentrieren. Trotzdem: kein schönes Gefühl. Ich bin davon überzeugt, dass es einen Unterschied macht, ob man den Verstorbenen zu Lebzeiten gekannt hat oder ob man (wie in Anatomie oder Rechtsmedizin) eine völlig fremde Leiche vor sich liegen hat. Die Emotionen sind viel stärker und die Gefühle in einem viel tiefer.
Nach der Untersuchung blieb uns das Ausfüllen des offiziellen Totenschein für das Landratsamt (für die Statistik), den Pathologen, den Bestattungsunternehmer und das Bürgeramt. Am Ende greift dann doch die Bürokratie und lässt für eigene Gefühle zunächst wenig Spielraum. Diese kommen später.
Wenn die Gedanken auf der Heimfahrt abschweifen und man sich überlegt, was mit dem sterblichen Geist/Körper nach dem Tod passiert. Welchen Weg ein jeder nach seinem Tod beschreiten wird und wie es der eigenen Umgebung ergeht, wenn man selbst nicht mehr unter ihnen weilen kann. Wenn wir nach 8 Stunden die Klinik verlassen, die Musik ins Ohr stöpseln und uns über verspätete Bahnen aufregen. Oder die letzten Sonnenstrahen des Sommers auf unsere Haut genießen können.
Viele Gedanken, philosophisch und religiös – Gedanken an das Leben und das Sterben. Grübeln.
Hier hilft keine Professionalität, die man bei vielen Dingen vorschieben kann. Denn der Tod (be)trifft jeden Menschen. Auch Ärzte im weißen Kittel.
to be continued
>> Publiziert als Erlebnis auch auf Arzt an Bord
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