vom Chef – Teil 1
Und schon wieder ist eine Woche in der Klinik vorbei. Es fühlt sich an, als ob sie einfach so in einem Rutsch vorbeigerauscht wäre. Ich muss mich wirklich anstrengen mich zu erinnern, was ich eigentlich getan habe und was in den 5 Tagen passiert ist. Alles verschwimmt zu einem Brei, zu einem Hamsterrad, in das man Montags reinspringt und Freitag Abends rausgeschleudert wird. Dazwischen: morgens aufstehen, in Klinik pendeln, Klinikalltag. Abends aus Klinik raus, nach Hause gondeln und dann die restlichen 2-3 h am Abend damit verbringen, dass man etwas isst, etwas bloggt und etwas skyped, um seinen Frust und seine Geschichten mit lieben Menschen zu teilen. Dann gehts ins Bett und alles beginnt von vorne.
Am Dienstag stehen wir für die Chefarztvisite bereit, die er jeden Morgen bei seinen Privatpatienten machen muss. Irgendwann ergibt sich die Situation, dass die Assiärztin, die die Privaten betreut, was holen gehen muss und er dann zu mir an den Wagen tritt.

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Der Chef plötzlich: “Um Sie mache ich mir Sorgen!“
Ich – zunächst bin ich mir gar nicht sicher, ob er mich meint oder die vorbei huschende Schwester oder den Patienten um die Ecke. “Meinen Sie mich?“
“Ja.”
“Aha, wieso das?“
“Wissen Sie, ich sehe Sie jeden Morgen hier auf Station, wie Sie bei der Visite dabeistehen und sympathisch dreinblicken. Und das Blut abnehmen. Aber: Sie sind ja jetzt im Praktischen Jahr. Das ist keine Famulatur oder Praktikum oder so mehr. Das war Planschen im knietiefen Wasser. Jetzt aber dürfen Sie mit Schwimmreifen im tiefen Wasser schwimmen. Noch etwas behütet, aber in einem Jahr, da stehen Sie an Stelle von Frau P. und dann sind Sie der verantwortliche Arzt. Deswegen sollten Sie das Praktische Jahr dazu nutzen das zu lernen – und deswegen besteht das Praktische Jahr auch aus mehr als nur Blutabnehmen und Visite mitlaufen“
Was war denn mit ihm los? Nach 2,5 Wochen fiel ihm also endlich mal auf, dass ich nichts anderes tue als Dinge, die man in der Famulatur auch machen würde?!
“Ja, finde ich auch.“
“Sie sollten selbst Patienten betreuen beginnen und üben, wie das geht. Damit Sie dann kommendes Jahr nicht plötzlich im tiefen Wasser ertrinken.“
“Sie sprechen mir aus der Seele. Genau das denke ich auch. Nur, das Problem ist, dass diese onkologische Station dazu eher suboptimal geeignet ist. Denn: entweder kommen die Patienten nur für den Chemotherapie-Zyklus auf Station und sind am dritten Tag schon wieder entlassen. Ich darf weder Chemo bestellen noch Chemo anhängen. Da kann ich außer Aufnahme, was ich ja tue, nichts ausrichten. Oder aber es kommen besonders knifflige und schwere Patienten mit ewiger aber bekannter Vorgeschichte, die jetzt einen Zwischenfall oder ähnliches haben. Auch da darf und kann ich ja leider nicht viel machen. Aber ich muss Ihnen zustimmen, dass die Situation nicht optimal ist und ich auch gerne mehr machen würde…“
“Aber es gibt doch auf dieser Station auch nicht-onkologische Patienten!“
“Ja, genau….. 3 in den 3 Wochen. Und die waren meist schon fertig behandelt, als ich am Montag nach dem Wochenende zurückkam. Der eine hatte einen Insektenbiss, kam samstags und war Montags mit Antibiotika abgedeckt. Der andere hatte Herzschmerz und war montags zur Angiografie angemeldet. Da kann ich auch nichts tun. Und der dritte war ein Mann mit Lungenentzündung, der nach 3 Tagen verlegt wurde. Also kein einziger Fall, den ich betreuen hätte können. Aber: ich habe ja einen. Den lernen Sie heute Mittag kennen!“
“Einer? Das ist aber nicht viel!“
“Aber immerhin ist es mal endlich einer.“
Boa, wie regte er mich da auf. In der Art, wie er das sagte. Von Oben herab. Warum kann er sich nicht einfach dahinter klemmen, dass man mehr tun kann und nicht nur von der Seite Hiebe verteilen?
Am Mittag war dann Kurvenvisite (darüber sollte ich mich auch noch auslassen – gleich mal notieren) des Chefs für die Gesetzlichversicherten. Und ich durfte meinen Patienten vorstellen. Als allerletztes. Ohne Unterlagen, denn die waren mit dem Patienten zu dessen Untersuchung unterwegs. Aber, ich hatte seine Geschichte im Kopf und konnte in wenigen präzisen Worten und einem Satz alles Wichtige sagen:
“Herr Hepar, 65 Jahre, kommt zur erstmaligen TACE bei HCC, Erstdiagnose im August im Haus, auf Basis einer bestehenden Leberzirrhose bei bekanntem C2-Abusus“.
Und was folgt vom Chef?
“Kennen Sie Harry Potter?“
Bitte was? Bitte wie? Was soll das denn nun?
“ähm, ich habe Teil 1 und 2 gelesen…“
“Dann kennen Sie bestimmt Lord Voldemort. Der, dessen Name nicht gesagt werden darf. Oder im Mittelalter Satan. Da sagte man “Gott stehe uns bei”“.
Was will er von mir? Hätte ich die Diagnose nicht sagen dürfen? Habe ich was Falsches gesagt?!
“Sie sagten C2-Abusus. Das heißt nicht C2. Das heißt Alkoholkrankheit. Man benutzt keine chemischen Abkürzungen, C2 steht für Alkohol. Und Abusus als Fremdwort verschleiert nur die wahre Krankheit dahinter. Sagen Sie Alkoholkrankheit und benutzen Sie das Wort, das für das Bild steht. Und nicht irgendeine Umschreibung“.
Gehts noch? C2-Abusus ist doch wie Nikotin-Abusus eine ganz normale Bezeichnung im Klinikalltag? Noch nie in meiner bisher kurzen Medizinkarriere hatte irgendein Chef, Dozent oder Prüfer Probleme damit, dass man solche Ausdrücke verwendet?! Wir sind ja nicht am Krankenbett und sprechen mit dem Patienten, sondern unterhalten uns innerhalb der Profession über dessen Krankheitsbild.
Fast schien es mir, als ob der Chef irgendwas zu kritisieren brauchte, egal, wie sinnvoll das war.
Abschließend dann die Frage, ob ich wüsste, was TACE sei. Ha, ja!
“Transarterielle Chemo-Embolisation“
Und wie geht man da vor?
“Über die Leistenarterie in die Leberarterie und dann erst Chemo an den Tumor hinspritzen und danach das Gefäß verstopfen, um die Blutversorgung des Tumors zu unterdrücken“
Natürlich wollte er danach noch weiter bohren und fragte nach Nebenwirkungen, die ich ihm auch großteils aufzählen konnte. Bis auf die Tumornekrose. Aber irgendwas muss er ja auch noch mehr wissen und mir dozieren können.
Wie es dann lustig in der Kantine weiter ging, folgt in einem neuen Beitrag. Morgen.
to be continued
LifeReport-History: vor einem Jahr: "Vermisst oder nicht"



