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21.09.2012 / stega

vom Chef – Teil 2

Nach Teil 1 folgt hier Teil 2:

Kurz nach der Kurvenvisite rannte ich zur Kantine, um pünktlich zu deren Ausgabeschluss noch ein Tablett zu ergattern und wenigstens etwas essen zu können. Viel war nicht mehr los, zwei andere PJ’ler saßen noch an den Tischen, ansonsten Leere. Und beide PJ-Kollegen hatten fertig gegessen und waren auf dem Weg zurück auf Station. Kurz bevor sie aufbrachen, öffnete sich die Tür und…. mein Chef trat ein. Er hatte sich ein Essen zurücklegen lassen und kam mit seinem Tablett in unsere Richtung.

“Ihr könnt mich jetzt nicht alleine lassen, bleibt noch kurz da, bitte!”

Doch die Kollegen mussten weiterziehen. Und ich saß plötzlich mit dem Chef alleine in der Kantine und hatte ein mulmiges Gefühl, was mich nun erwarten würde.

Aber: es wurde besser als gedacht. “Schuld” daran war Cheffe persönlich. Als er sich zu mir setzte und seine Suppe essen wollte, rutschte ihm die Schüssel aus der Hand und schwupps verteilte sich deren Inhalt vom rechten Oberarm bis über das Hemd und runter zur weißen Hose. Was ein Bild, da klebt die Gulaschsuppe auf dem Chef.

Ich sprang natürlich sofort auf und besorgte Servietten zum Abwischen – er wischte mit der Messerspitze die Zutaten der Suppe von seinen Kleidungsstücken. Ein lockerer Spruch meinerseits, dass er jetzt etwas vom Chirurgen mit Blutspritzern an sich hätte, brachte ihn zum Lachen und irgendwie brach das Eis.

“Jetzt müssen Sie heute Mittag einen Arztkittel anziehen, dann sieht das niemand.”

Später sollte er auch tatsächlich mit Kittel auf Station erscheinen.

Während des Essens unterhielten wir uns über das Medizinstudium und über Auswendiglernen oder Verständnis zum besseren Lernen. Ich versuchte ihm aufzuzeigen, dass die Dinge, die wir im Studium lernen, teilweise so abgefahren sind, dass man das im klinischen Alltag null verwenden könne (z.B. eine spezielle Nebenwirkung von einem speziellen Antibiotikum – da musste sogar er zugeben, dass das unsinnig ist und nicht mal er das wisse ohne nachzuschlagen). Danach ging es über die Umstellung der Approbationsordnung und des PJs bzw. des Staatsexamens. Und über den freien Zugang zu allen deutschlandweiten Lehrkankenhäusern im PJ.

Schließlich informierte ich ihn noch über unser “tolles” Dekanat und dessen abstruser Verhaltensweisen, z.b. den Mailserver täglich um 17 Uhr auszumachen, damit es über Nacht nicht zu warm im Dekanat und der Strom gespart wird. Oder dass man nirgends eine wirkliche Hilfe oder Aussagen bekommt, auf die man sich verlassen könne.

Kurz vorm Ende des Essens erfuhr mein Chef dann noch, dass ich vielleicht in die USA gehen will, um dort 8 Wochen Wahlfach zu machen – das fand er dann ganz großartig und erzählte, dass er selbst dort schon mal für einen Kongress war. Ha! Da hatten wir das Essen aber gut überstanden. Auf dem Rückweg erzählte er von seinem privaten Leben und war ganz locker und flockig drauf.

Kurz darauf erschien er zur Visite auf Station. Ich bekam nichts mehr ab, aber die Schwestern und Assistenzärztinnen. Eine Schwester schob er zurück ins Schwesternstützpunktzimmer und knallte die Tür zu, weil er “sich so nicht konzentrieren könne, wenn ständig jemand was will und die Assiärztin dann nix mitbekommt, weil sie abgelenkt sei“.

Auch die Assiärztinenn bekamen einige dumme Kommentare und böse Seitenhiebe zu hören und sogar das Gespräch mit meinem vorgestellten Patienten lief so, dass ich mir dachte, dass man sich doch so nicht mit einem Patienten unterhalten könnte. Erst ins Wort fallen, dann “jetzt rede ich und Sie hören zu” und am Ende hatte der Patient doch Recht, weil er Infos nach seiner Untersuchung wusste, die uns noch nicht bekannt waren. Die der Chef dann per Telefonanruf erfuhr und sich sogar fast beim Patienten entschuldigt hätte. Fast.

Tja, dazu ist man Chef. Um über den Dingen zu stehen und mal so, mal so sein zu können. Einen Tag später entschuldigte er sich bei allen Beteiligten und lobte sogar die Assistenzärztinnen.

So richtig fassbar ist er nie gewesen.

to be continued

LifeReport-History: vor einem Jahr: "Cardioversion - wie es nicht sein sollte"

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