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01.09.2015 / stega

Fremdjahr

Mit dem letzten Rapport zu Beginn dieser Woche endete mein obligatorisches Fremdjahr auf dem Weg zum Facharzt. Vorgeschrieben ist ein Jahr abseits der eigentlichen Fachweiterbildung in Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates – und dieses habe ich nun seit letztem September in der Viszeralchirurgie (bzw. in der Klinik für Allgemein-, Thorax- und Viszeralchirurgie sowie Gefässchirurgie) gemacht. Ich dachte es könne nicht schaden, wenn man in einem chirurgischen Fachgebiet tätig sein will, dass man die Basics der Chirurgie lernt und das Management komplexer Patienten (wie man sie als Orthopäde wohl nie wieder sehen wird) auf Station erlebt und beigebracht bekommt.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich nach dem letzten Tumorboard (finally!) und Rapport mit einem lachenden und einem weinenden Auge die Klinik verlassen habe (Klinik ist gut, ich habe einfach die Klinik im gleichen Spital gewechselt und bin nun eben wieder da, wo ich ursprünglich begonnen habe). Weinend, weil mir die Kollegen und die Pflege auf der Viszeralchirurgie natürlich ans Herz gewachsen sind und wir eine tolle Zeit (gerade über den Sommer hinweg ab Mai) miteinander erlebt haben. Weil man immer miteinander gelacht und was zu quatschen fand.

Lachend, weil ich nun endlich zurück zu meinem wahren Fachgebiet darf (oder wie ein Oberarzt der Viszeralchirurgie meinte: “Abstieg zu den Knochenbrechern”). Nun ist die Pflicht erfüllt und die Weiterbildung zum Facharzt kann so richtig durchstarten. Das Jahr ist schneller verflogen als gedacht und zack bin ich zurück!

Schade war nach wie vor, dass ich eine Zeit des Umbruchs erlebt habe und deswegen miterleben musste, wie bei vielen Assistenzärzten im Team und gleich bleibender OP-Anzahl die operativen Möglichkeiten drastisch reduziert waren. Ich habe zwar einige kleine Eingriffe (v.a. Pilonidalsinus) selbst operieren dürfen; aber insgesamt hätte ich mir doch ein wenig mehr operativen Einsatz gewünscht – und wenn es nur ein paar Assistenzen gewesen wären. Aber gut, das ist jetzt auch gegessen; ich habe mir immer gesagt, bei einer 6 Stunden OP muss ich nicht dabei stehen, dazu fehlt mir dann doch das Interesse im Gedärm herumzuwühlen.

Nun also back to the broken bones and the arthritic joints! Ich bin gespannt, wie es dort laufen wird und werde nach nur einer Woche in einem der Gelenkteams gleich auf Trauma aushelfen, weil die wieder zu wenige Assistenten haben. Es bleibt also abwechslungsreich.

to be continued

30.08.2015 / stega

Immer wieder sonntags … | 2015 – KW 35

| GESEHEN | jede Menge Patienten | GEHÖRT | Liveübertragung der Streetparade aus Zürich | GETAN | Stationsdienst, OPs, Visitendienst am Wochenende und abends viel Rennrad | GEGESSEN | Rindsentrecote in der Kantine, Bratkartoffeln selbstgemacht | GETRUNKEN | Eiskaffee | GEDACHT | bald ist vorbei mit der Viszeralchirurgie | GEÄRGERT | über nichts so richtig | GEFREUT | die gute Stimmung mit den Clinical nurses und der Pflege | GEKAUFT | Lidl Brot (da es hier keinen guten Bäcker gibt und Migros nur Weissbrot hat) | GESTAUNT | ein Jahr Chirurgie ist schon vorbei?

to be continued

23.08.2015 / stega

Immer wieder sonntags … | 2015 – KW 34

| GESEHEN | eine neue Klinik | GEHÖRT | Saltatio Mortis | GETAN | Stationsdienst geschoben, Hospitation in einer neuen Klinik, Rennrad, Dressurreiten geschaut | GEGESSEN | Spinatlasagne, Grillteller | GETRUNKEN | Kaffee | GEDACHT | hoffentlich haben sie ne freie Stelle | GEÄRGERT | mal wieder keine Sekunde OP-Zeit | GEFREUT | gemeinsam freies Wochenende mit Freundin | GEKAUFT | nichts | GESTAUNT | nur noch 7 Mal Viszeralchirurgie

to be continued

10.08.2015 / stega

Notfallpatienten – wir schaffen Arbeit

  • Da war die Patientin, die nach einem Sturz am Vortag entlassen wurde und sich dann wieder mit “unerträglichen Schmerzen” in der Schulter  (unverletzt) vorstellte. Alle Schmerzmittel hätten nichts gebracht. Der Schmerz käme wohl, weil eine Infusion die Hand hatte anschwillen lassen und die Flüssigkeit nun über Unterarm und Oberarm rückresorbiert werden müsse. Aber diese Schmerzen würde sie nicht mehr aushalten können. In der Untersuchung nur einen lokalen Druckschmerz am seitlichen Oberarm ohne sonstige Hinweise. Bis ich sie fragte, ob sie eventuell beim Sturz in der Notaufnahme eine Auffrischung des Tetanusschutz erhalten habe (was standardmässig gemacht wird, wenn jemand mit Wunden kommt und nicht sicher sagen kann, dass der Tetanusstatus gut ist). Klar hat sie das. In den Oberarm. An der Stelle, an der es nun weh tut. Und ja, wenn sie genau darüber nachdenke, dann fühle sich das so ähnlich wie ein Muskelkater an. Aber diese Schmerzen!
    Mit einer Packung Tramal ging sie nach 10min nach Hause. Und ich saß und tippte 20min einen Brief.
  • Da war der Patient, der an einer roten Ampel mit seinem Motorrad stand, als ein Auto anrollte und ihn am Unterschenkel anstupste, sodass das Motorrad umfiel. Er selbst hatte keine Blessuren, konnte aufstehen, Helm absetzen, herumlaufen. Aber der Rettungsdienst samt Notarzt waren unterwegs. Und fanden in einem ersten Check nur einen Kratzer am Unterschenkel und ganz geringen Druckschmerz an einem Punkt am Muskel, an dem das Auto mit der Stossstange angekommen war. Eigentlich kein Grund den Patienten auf den Notfall zu bringen, wenn er selbst sagt, ihm fehle nichts. Doch die Notärztin, übereifrig, sah den Blutdruck von 135/80mmHg – knapp zu hoch (kein Wunder, wenn man grad sein Motorrad umgeworfen bekommen hat?!) und widersprach der Rettungsassistentin, die den Patienten gar nicht mitnehmen wollte.
    So bekommen wir einen selbst in die Notaufnahme laufenden Patienten, dem rein gar nichts fehlt, machen einen gesamten Traumacheck und geben ihm nach 10min eine Packung Paracetamol mit (damit wir überhaupt etwas getan haben). Er geht freudestrahlend; die Rettungsassistentin entschuldigt sich bei mir noch, dass sie überhaupt gekommen sind, mir platzt der Kragen und ich lasse die Notärztin grüssen. Sie dürfe gerne mal auf dem Notfall mitarbeiten, damit sie sieht, wie sinnvoll eine solche Einweisung ist.
    Für mich bedeutet das erneut 20min Tippen eines Briefes und Abrechnen einer Notfallkonsultation.
  • Da war noch die Patientin, die vor zwei Tagen operiert wurde und dann diese weissen Steristrips (Pflaster) über der Nahtwunde hatte. Einer der Strips sei beim Duschen abgefallen und nun müsse sie ja umgehend und dringend einen neuen draufbekommen, weil sonst die Wunde nicht heile und überhaupt….
    Der Strip war in 10 Sekunden geklebt. Der Brief danach über die Notfallkonsultation dauerte 10min.
  • Und der kleine Junge aus dem Schwimmbad, dessen Vorhaut sich in der Badehose-Netzeinlage in eines der Löchlein verheddert hatte. Der Vater packte den Jungen und brachte ihn zu uns. Wo der Kollege dann mit spitzen Fingern am Stoff zog und damit die Vorhaut aus dem Loch befreite. Alles gut, alles heile und ein erstaunter Vater “wie haben Sie das denn nun gemacht?”. Mal gescheit hingefasst?
    Der Bericht dauerte nach diesen 10sec “Behandlung” weitere 15min*.
  • Oder die ältere Dame, die bereits vor einem Jahr mit gleichen Beschwerden in diversen Fachrichtungen durchgecheckt worden war und als Empfehlung die Durchführung einer Darmspiegelung und den Besuch bei einem Frauenarzt empfohlen bekommen hatte (wo sie seit > 12 Jahren nicht mehr gewesen war). Nun erneute Vorstellung mit dem haargenauen Beschwerdekomplex (wie sie selbst sagt) und nach Durchchecken von Urin, Blut und Bildgebung des Bauches keinerlei Anhaltspunkte für irgendeine notfallmässige Pathologie. Auf die Nachfrage, ob denn die Darmspiegelung und die Kontrolle beim Frauenarzt erfolgt sei nur ein Lächeln und ein “nö, ich dachte, das sei nicht so wichtig”.
    Dauer des Aufenthaltes in der Notaufnahme 3 Stunden; Bericht und Arbeitszeit über 40min. Ergebnis: Empfehlung endlich die Darmspiegelung und den Frauenarzt zu besuchen.

Es gäbe noch unzählige solcher Fälle. Versteht mich nicht falsch: Auf dem Notfall sind wir für Patienten da, die Probleme, Schmerzen, Krankheiten haben, die wir notfallmässig behandeln müssen. Oder auch nur abklären und ausschliessen können. Aber zunehmend bemerken wir, dass die Hürde auf den Notfall zu kommen (anstelle z.B. zum ärztlichen Notdienst oder zum Hausarzt (aber der hat erst in 3 Tagen einen Termin und meine Knieschmerzen gehen ja jetzt schon 3 Wochen)) immer weiter sinkt. Das ist zwar für die Patienten toll, weil man dann zwar (schlimmstenfalls) 3 Stunden wartet, bis Blutuntersuchung, Bildgebung und alles Weitere abgeschlossen ist, was aber immer noch weniger als 3 Tage Wartezeit bis zum Hausarzt bedeutet.

Für uns Ärzte bedeutet das aber neben den Handlungen am Patienten: viel Tipparbeit, viel Bürokratie, Zeit, die wir dann für die wirklich notallmässigen Patienten nicht haben und v.a. viele Nerven (denn meist sind es gerade diese Patienten, denen es dann nicht schnell genug geht). Für das Gesundheitssystem explodieren gleichzeitig die Kosten, denn jede Notfallkonsultation kostet extra (zumindest hier in der Schweiz) und zusätzlich noch Zuschläge bei Wochenende, Nacht etc. In Deutschland sieht die Sache so aus, dass die Kliniken einen Pauschalbetrag erhalten und bei jedem Notfallpatienten draufzahlen – weswegen einige rote Zahlen schreiben und nicht genug Personal einstellen können, um die Versorgung zu gewährleisten.

Deswegen mein Appell: man sollte sich genau überlegen, wie sinnvoll eine unbedingt gleich und nur jetzt mögliche Konsultation auf einem Notfall ist – oder ob die seit 4 Wochen bestehenden Schmerzen nicht auch noch 2 Tage warten können, bis der Hausarzt einen Termin hat. Das schont die Nerven des Patienten, die Ressourcen der Klinik und die Zeit des Arztes.

to be continued

 

* Bei den Berichtszeiten ist grob mit eingerechnet, dass jeder Brief ausgedruckt, dem Oberarzt zum Visum vorgelegt wird, von diesem dann entweder korrigiert und zurückgeschickt zur Korrektur, erneutem Ausdruck und Vorlage läuft oder direkt in das Versenden-Postfach, wo es ein Student dann jeden Abend in Umschläge eintütet und an den Hausarzt sendet. Stapelweise. Jeden Abend.

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